Rumänien – was weiß ich eigentlich über dieses Land? Eigentlich nicht viel. Lange Zeit war Rumänien für mich immer mit dem Begriff Armut verknüpft. Ich erinnere mich daran, dass mein Onkel in den 90er Jahren ehrenamtlich Transporte von Hilfsgütern nach Rumänien begleitet hat. Das muss kurz nach dem Fall des Ostblocks gewesen sein. Andererseits weiß ich, dass Rumänien mittlerweile ein Mitglied der EU ist, was für gegenteilige Entwicklung spräche . Außerdem habe ich in meinem bisherigen Arbeitsleben vereinzelt Leute aus Rumänien kennengelernt. Einer davon wollte jedoch auf keinen Fall, dass seine Herkunft ans Tageslicht kommt. Er gab sich indes lieber als Italiener aus, den Grund verstand ich nie so recht.

Unsere Route

So ergab sich für uns im September 2015 die Gelegenheit, Rumänien auf unserer Radreise nach Istanbul zu durchfahren. Unsere Route ließ uns über den Staudamm und Grenzübergang “Eisernes Tor I” bei Drobeta-Turnu Severin in Rumänien ankommen. Kurz danach haben wir erstmals auf der Tour den Donauradweg verlassen. Auf wenig befahrenen Landstraßen ging es fernab von allen touristischen Reiserouten über Craiova in die Hauptstadt Bukarest (ca. 375 km). Nach einem Ruhetag dort ging es erneut quer durchs Land nach Călărași (ca. 120 km), von wo aus wir Rumänien mit der Donaufähre nach Bulgarien verließen.

Persönliche Eindrücke

Die Eindrücke während unserer Fahrt durch Rumänien waren sehr vielfältig, teilweise forderten sie uns sehr. Kaum ein anderes Land auf der gesamten Tour hinterließ bei mir solch einen nachhaltigen Eindruck, in positiver wie negativer Richtung. Die ersten ca. 250 km hinter Drobeta-Turnu Severin führte uns unsere Route fast ausschließlich durch ländliche Regionen über sehr ärmlich wirkende Dörfer. “Ärmlich” ist natürlich ein sehr schwer zu definierender Begriff, zumal für mich materieller Reichtum nur bedingt bzw. nur bis zu einem gewissen Grad mit dem Glücksempfinden korreliert.

Aber zunächst einmal nur die materielle Situation: Hier wirkte die Region für europäische Verhältnisse in der Tat auf mich sehr ärmlich. Vieles deutet darauf hin, dass hier kaum jemand Erwerbsarbeit nachgeht, Selbstversorgung auf den eigenen Grundstücken steht wesentlich mehr im Fokus. Viele Leute haben einen Garten und ein paar einzelne Nutztiere. Man sieht Menschen, die mit ihrer Kuh am Straßenrand spazieren gehen, damit das Vieh dort Gras bekommt. Die Straßen sind immer wieder unbefestigt, selbst wenn sie auf der Karte auf eine gewisse Wichtigkeit hinweisen. Autos, in unserer Kultur (leider) das Zeichen für materiellen Wohlstand, gibt es hier verhältnismäßig wenig. Stattdessen sind viele Leute mit Pferdekutschen unterwegs.

Interessanter als die materielle, finde ich jedoch die emotionale Ebene. Es gibt viele Länder, in denen die Einwohner ihre materielle Armut durch pure Lebensfreude kompensieren. Diese war für uns in Rumänien allerdings nicht wirklich erkennbar. Auf den Dörfern saßen, wie in einigen anderen Ländern unserer Radtour auch, viele Leute vor ihren Häusern. Aber im Gegensatz zu den anderen redeten die Leute fast nie miteinander oder mit anderen. Auch wurden wir, in Verhältnis zu den anderen Ländern, kaum gegrüßt oder willkommen geheißen, wenn wir als offensichtliche “Fremde” die Dörfer durchfuhren. Stattdessen drückten die Gesichter der Menschen Verschlossenheit und Scheu auf aus. Als wir einmal an einem kleinen Dorfladen Rast machten und ein bisschen in unserer geselligen Runde lachten , erteilte uns ein dort sitzender Mann unmissverständlich ein Verbot, zu lachen und laut zu sein. Das saß!

Sehr schwer zu sagen, warum dieses Verhalten in Rumänien so anders ist als im Rest Osteuropas. Vielleicht liegt nach Jahren von Sozialismus und Diktatur immer noch eine Atmosphäre des Misstrauens über den Menschen, vielleicht ist es auch eine Art Verhaltenheit vor dem Unbekannten. Eine wirklich Antwort ist, auch aufgrund der Sprachbarrieren, für uns nur schwer zu finden.

Gastfreundschaft

Aber auch das Gegenteil, absolute Offenheit und Gastfreundschaft, durften wir in Rumänien erleben. Als wir eines Abends bei Dunkelheit und beginnendem Regen in einem kleinem Dorf kurz stoppten, wurden wir von einem dort sitzenden Mann hilfsbereit angesprochen. Da wir keine sprachliche Gemeinsamkeiten hatten, rief er kurzerhand einen Freund an, welcher umgehend aus dem Nachbarhaus zu uns kam und ein wenig französisch sprach. Nachdem wir ihm auf seine Nachfrage hin mitteilten, dass wir aus Deutschland kommen, nahm er uns spontan bei sich auf. Er bat uns sein Zimmer an, schlief stattdessen in einem anderen. Er tischte uns selbstlos sämtliches Obst und Gemüse aus seinem Garten auf und zeigte uns ganz viele Fotos. Fotografie war seine Leidenschaft. Er hatte sichtlich Freude daran, uns zu bewirten, zu beherbergen, sich mit uns zu unterhalten, uns sein Leben zu zeigen…

Auch ein paar weitere Male wurden wir angesprochen, ob man uns weiterhelfen könne. Zunächst wirkten die lauten Worte eher bedrohend, einmal standen wir kurz vor einer “Flucht” aus der Situation, da uns die Worte zu laut und die Distanz zu deutlich zu klein wurde. Lässt man sich aber auf diese ungewohnt geringe Distanz ein, merkt man sehr zügig, dass das alles nett gemeint ist. Die rumänische Kommunikationskultur ist definitiv anders als unsere. Sie wirkt abschreckend auf uns, es ist aber selten so gemeint.

Rumänisches Selbstbewusstsein

Was uns nach einiger Zeit in Rumänien wiederholt auffiel, war ein scheinbar nicht vorhandenes Selbstbewusstsein und die Identifikation mit seinem eigenen Land. Es war für einige Leute kaum nachvollziehbar, was drei Radfahrer aus Deutschland dazu bewegt, ausgerechnet durch Rumänien zu fahren. Sie allesamt fanden ihr Land überhaupt nicht toll und keinesfalls bereisenswert.

“Where are you from?”
“Germany.”
“Why?”
oder “But why Romania?”

In diesem Zusammenhang verstehe ich auch immer mehr, warum mein damaliger rumänischer Arbeitskollege eine andere Nationalität vortäuschte.

Hinweise und Tipps für Radreisen nach Rumänien

Das Radfahren in Rumänien war größtenteils entspannt. Auf unserer Route konnten wir die großen Hauptstraßen meiden. Auf den anderen Straßen herrschte ein erstaunlich respektvolles Miteinander. In einigen Regionen gibt es nur wenig Autos und die fahren dann meist rücksichtsvoll. Andererseits gibt es wie beschrieben noch viele Pferdekutschen. Als Radfahrer ist man somit häufiger mal in der Position des Überholenden, ungewohnt aber sehr angenehm. Auch die Einfahrt in die Hauptstadt Bukarest, welche wir nach unseren vorherigen Erfahrungen in Belgrad ein wenig gefürchtet hatten, war erstaunlich angenehm, obwohl die Radinfrastruktur dort kaum ausgebaut ist.

Sich unterwegs zu verpflegen, war nicht schwer. Nahezu jedes kleine Dorf hat einen eigenen Lebensmittelmarkt à la Tante Emma. Dort bekommt man immer Wasser und die notwendigsten Lebensmittel. Was man auf den Dörfern aber fast nie bekommt ist Milch, man hat schließlich seine eigene Kuh.

Restaurants und Hotels findet man nur in den größeren Städten, dazwischen können schon mal lange Distanzen sein. Ausrüstung zum autarken Übernachten ist definitiv empfehlenswert. Ebenso sollte man einen guten Fundus an Ersatzteilen dabei haben. Fahrradläden gibt es ebenfalls nur in den größeren Städten.

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